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Wäscheleinen-Andacht Nr. 6

Evangelische Kirchengemeinde Altenbochum-Laer
Veröffentlicht von Claudia Frank in Andacht · 17 Mai 2020




Wäscheleinen-Andacht zum Sonntag Rogate

„Alles hat seine Zeit und jedes Anliegen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit und entwurzeln des Gepflanzten hat seine Zeit. Töten hat sein Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine werfen hat seine Zeit und Steine aufsammeln hat seine Zeit. Umarmen hat seine Zeit, von Umarmung sich fernhalten hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verloren geben hat seine Zeit, bewahren hat seine Zeit, verschleudern hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit und hassen hat seine Zeit, streiten hat seine Zeit und versöhnen hat seine Zeit. Gott hat für alles eine Zeit vorherbestimmt, auch die Ewigkeit hat er in das Herz der Menschen gelegt. Was Gott aber in dieser unvorstellbaren Ausdehnung von Zeit tut, davon kann der Mensch nur einen winzigen Ausschnitt erfassen. Und so habe ich verstanden: Der Mensch kann  nichts Besseres tun, als sich zu freuen und sein Leben zu genießen solange er es hat. Wo immer Menschen essen und trinken und in all ihren Mühen Gutes wahrnehmen, ist das ein Geschenk Gottes. Ich habe verstanden: Alles, was  Gott tut, ist unabänderlich für alle Zeiten. Der Mensch kann dem nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Was war, ist längst gewesen, auch was sein wird ist, war schon längst. Und die Zeit, die uns entschwunden ist, ist bei Gott nicht vergangen.“ (Prediger 3, 1-15)
Alles hat seine Zeit. Diese Worte des Predigers in Zeiten wie diesen zu hören, berührt mich irgendwie anders als sonst.  Klagen, tanzen – wie lange war ich nicht mehr tanzen! Weinen, lachen – das hat alles seine Zeit. So war es ja schon immer. Aber auf der Corona-Bühne bekommen diese Worte eine ganz eigene Qualität. Zeit verloren zu geben, Zeit zu bewahren. Ich bin mal gespannt, von was wir wohl dauerhaft Abschied nehmen müssen und - was wir durch diese Zeit hindurch retten können. Zeit sich von Umarmungen fern zu halten… Krass, dass das überhaupt da so steht... Und jetzt mal wirklich: Wann darf ich denn endlich wieder die drücken, die ich vermisse?
Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme in diesen Wochen über das, was Corona mit ihnen macht, dann begegnet mir eine ziemlich breite Palette an Haltungen, Wahrnehmungen und Erlebniswelten. Wahrscheinlich einfach genauso so viele Unterschiedlichkeiten wie es Persönlichkeiten gibt. Wie es Lebensumstände gibt und Wertesysteme. Da sind die, die sowieso immer zuerst nach den anderen gucken: Wem kann ich kann wie helfen? Da sind die - mit grimmig-sturem Blick - die vielleicht insgeheim ziemlich verschreckt sind und die aber meinen, den starken Mann markieren müssen: Mir kann das alles nichts anhaben! Da sind die Verschwörungstheoretikerinnen, die Panikmacher, die Besserwisserinnen. Da sind die Menschen mit den ewigen Worstcase-Szenarien im Blick. Und das sind die „Auf-Teufel-komm-raus-Optimisten“. Da gibt es Leute, die für völlig Fremde einkaufen gehen und es gibt Leute, die in Parks und auf den Straßen mit dem Schlachtruf „Corona“ Älteren ins Gesicht husten. Von Weltuntergangsgesängen bis hin zu „Jetzt ist aber mal gut, so schlimm ist das alles doch gar nicht!“-Sätzen ist praktisch alles zu hören.
Diese Vielfalt an Menschsein ist natürlich nichts Neues. Auch die gibt es immer. Grenzsituationen bringen menschliches So – oder eben auch Anderssein einfach deutlicher auf den Punkt und ans Licht.
Das Phänomen Zeit hat in den vergangenen Wochen für sehr viele ein neues Maß bekommen: Statt Dauerstress im Hamsterrad erleben wir jetzt: Zeit dehnt sich aus. Zeit hat ihre Begrenzung verloren. Unabsehbarkeit hat eine neue Dimension erreicht. Selbstverständlichkeiten müssen hinterfragt und neu definiert werden. Planbarkeit und Endpunkte sind ausgehebelt.
Und mitten in dieses Szenario klingt der Satz des Predigers: Alles hat seine Zeit. Der Satz bleibt so gültig wie er es schon war, als er aufgeschrieben wurde - vermutlich übrigens im 4. Oder 3. vorchristlichen Jahrhundert. In diesem Satz spiegelt sich wohl die Krise wider, in der sich die Menschen jener Zeit befunden haben mögen. Überkommene Deutungsmuster hatten angesichts einer neuen Wirklichkeit ihre Überzeugungskraft verloren. Ihr Sinn leuchtete den Menschen nicht mehr ein. Das kommt mir irgendwie bekannt vor…
             Immer, wenn menschliches Leben an existenzielle Grenzen kommt, geraten Werte ins Wanken. Standpunkte und Überzeugungen verschieben sich, Fundamente fangen an zu bröckeln. Das passiert, wenn Einzelne in Krisen geraten. Und wieviel mehr, wenn die gesamte Weltbevölkerung von dem Sog ein und derselben Krise erfasst wird.
             Die Lockerungen, über die Bund und Länder vorletzte Woche verhandelt haben, ebnen einen Pfad zurück in eine funktionierende Gesellschaft. Sie helfen, die wirtschaftliche Existenz von Menschen zu sichern und katastrophale Auswirkungen auf die  Weltwirtschaft abzufedern. Sie bieten Puffer für die Menschen, die in ihrer häuslichen Isolation an ihre emotionalen Grenzen kommen – weil sie allein und einsam sind oder weil sie von ihren Nächsten körperlich und seelisch bedrängt werden. Dafür waren bestimmte Lockerungen notwendig. Sie bedeuten nicht, dass sich das Gesundheitsrisiko für jede Einzelne plötzlich verringert hätte. Noch gibt es weder Medikamente noch Impfstoff gegen Covid-19. Unser Gegenüber ist und bleibt eine Pandemie. Und mit einem Virus lässt sich nicht verhandeln!
Alles hat seine Zeit! Als erwachsener Mensch bewege ich mich immer in dem Spagat zwischen Freiheit und Verantwortung. Seit den Lockerungen ist viel Verantwortung an die Einzelnen abgegeben worden. Jetzt ist es an mir, an dir diesen Balanceakt auszutarieren, jeden Tag auf`s Neue. Bei jedem Zugeständnis an meine Bedürfnisse muss ich mich fragen: Wie hoch ist der Preis? Nicht alles, was jetzt wieder erlaubt ist, ist auch notwendig. Das Virus schert sich weder um Beschränkungen noch um Lockerungen. Es grassiert einfach da, wo man es lässt.
Alles hat seine Zeit. Auch eine Pandemie.
„Gott hat für alles eine Zeit vorherbestimmt, auch die Ewigkeit hat er in das Herz der Menschen gelegt. Was Gott aber in dieser unvorstellbaren Ausdehnung von Zeit tut, davon kann der Mensch nur einen winzigen Ausschnitt erfassen. Und so habe ich verstanden: Der Mensch kann  nichts Besseres tun, als sich zu freuen und sein Leben zu genießen solange er es hat. Wo immer Menschen essen und trinken und in all ihren Mühen Gutes wahrnehmen, ist das ein Geschenk Gottes. Ich habe verstanden: Alles, was  Gott tut, ist unabänderlich für alle Zeiten. Der Mensch kann dem nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Was war, ist längst gewesen, auch was sein wird ist, war schon längst. Und die Zeit, die uns entschwunden ist, ist bei Gott nicht vergangen.“
Bei Gott laufen die Fäden zusammen. Was mein Fassungsvermögen übersteigt, kann ich  ihm überlassen. Mich beruhigt das irgendwie. Gemessen an der Ewigkeit ist meine persönliche Lebensspanne nichts weiter als ein Wimpernschlag an Zeit. Und mancher Sinn im Ganzen bleibt mir einfach verborgen. Und doch geht nichts, was in meinem persönlichen Mini-Kosmos von Bedeutung ist, in dem unendlichen Kosmos verloren, der von Gott umfangen und gehalten ist. Er hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Und er hält das, was war, was ist und was kommt in seinen Händen – bis ans Ende aller Zeiten.
Bochum, zum Sonntag Rogate am 17. Mai 2020, Pfarrerin Claudia Frank


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Altenbochum-Laer
Wittener Str. 242
44803 Bochum
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