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Aktuelles

Wäscheleinen-Andacht Nr. 4

Evangelische Kirchengemeinde Altenbochum-Laer
Veröffentlicht von Claudia Frank in Musik und Andacht · 3 Mai 2020
Link, um Predigt zu hören und zu sehen:

Link, um sie als pdf zu sehen: Link

Wäscheleinenandacht Nr. 4
Pfarrerin Claudia Frank: Wortbeitrag
Eike Grevel: Foto
Christine Köster: SAUER-Orgel
Siegfried Kühn: Video-, Sprach- und Musikaufnahmen
Dennis Reichert: Videoschnitt

      
„Wäscheleinen-Andacht“ zum Sonntag Jubilate 2020
Manche Erfahrungen hinterlassen so was wie eine Markierung. Einen Einschnitt, der das Leben einteilt. Und zwar in ein „Davor“ und ein „Danach“. Manchmal ist sowas auf den Tag, auf die Stunde genau zu bestimmen und ein Ereignis wird zu einem klaren Wendepunkt im eigenen Lebenslauf: Das Leben danach ist einfach nicht mehr wie vorher – unabhängig davon, ob das Geschehen an sich gut oder schlecht war.
             Heute Morgen sollte dieser Kirchplatz hier eigentlich voll mit Menschen sein. Die Lukaskirche sollte zum Bersten voll sein. Heute, am Sonntag Jubilate, müssten hier auf diesem Platz Jugendliche stehen in schicken Klamotten. Auch alle anderen, die hier hätten auflaufen sollen, wären feierlich-festlich gekleidet gewesen: Familien, Freundinnen und Freunde, Gäste. Dieser Tag sollte ein Festtag werden, und zwar für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden. Stattdessen sind der Kirchplatz leer und der Kirchraum wie leer gefegt.
Sowas ist im Leben einer Kirchengemeinde außerordentlich. Konfirmationen fallen nicht einfach aus. Konfirmationen werden nicht ohne Not mal so eben auf unbestimmte Zeit verschoben. Das passiert nur in absoluten Ausnahmesituationen. Ich persönlich kannte sowas bis jetzt nur aus Erzählungen der Kriegsgeneration.
Tatsächlich: In den letzten Monaten hat sich das Leben drastisch verändert. So vieles, was noch vor kurzem völlig undenkbar schien, ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Und das alles innerhalb kürzester Zeit und in rasendem Tempo.
Ganz selten ist das, dass Sachen passieren, die wirklich für jeden einzelnen Menschen weltweit zu einer Markierung im persönlichen Leben werden. Begebenheiten nach denen jeder halbwegs erwachsene Mensch bis zu seinem Lebensende sagen kann: Ich weiß noch ganz genau, was ich an dem Tag gemacht hab! Für mein persönliches Leben fallen mir dazu genau drei Sachen ein: Der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986. Drei Jahre später der Mauerfall und dann der Anschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001. Echt krasse Marksteine der Menschheitsgeschichte waren das, alle drei, so unterschiedlich sie auch waren. Unumkehrbar haben sie die Welt verändert, jeder auf seine Weise, und ich werde bestimmt nie vergessen, was ich jeweils gemacht hab, als ich davon erfahren habe.
Die Pandemie, die wir jetzt erleben, geht in ihren Auswirkungen weit über diese drei Ereignisse hinaus. Und zwar deshalb, weil das Virus das gesellschaftliche Leben und seine Konventionen langfristig und vielleicht dauerhaft auf den Kopf stellt. Weil es die Wirtschaft gefährlich nah an unüberschaubare Abgründe treibt. Weil Corona massiv in die privateste Alltagsgestaltung einer jeden eingreift. Weil der Mensch als Gemeinschaftswesen in einem seiner Grundbedürfnisse beschnitten wird. Auch wenn der Verstand diese 180°-Wendung vielleicht mitgehen kann: Wie soll das Herz verstehen, dass ich mich von denen fern halten soll, denen ich nah sein möchte, und zwar gerade weil ich sie lieb habe? Verrückt ist das, im wahrsten Sinn des Wortes!
Die weltweite persönliche Verunsicherung durch Corona ist unfassbar tiefgreifend und vielschichtig. Auch, weil da  niemand ist, der sich damit auskennt. Für ein solches Szenario hat niemand ein Konzept in der Schublade. Und eins ahnen wir: Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein, sie ist es jetzt schon nicht mehr. Und zwar unumkehrbar. Die Normalität vor Corona ist nicht der Ort, an den wir zurückkehren werden. Wir müssen jetzt anfangen, eine neue Normalität zu entwerfen.
„Bis in euer Alter bin ich derselbe und ich will euch tragen bis ihr grau werdet.“ Das ist ein Vers, der eigentlich gut zur Jubiläumskonfirmation passt. Heute, am Sonntag, der eigentlich Konfirmationssonntag werden sollte, gebe ich ihn den - zumindest vorerst verhinderten - Konfis mit - und natürlich euch allen.
Wenn heute nichts mehr gilt, was bis gestern unumstößlich schien, dann brauch ich jemand, der unwandelbar Derselbe bleibt. Der mir Stabilität verleiht und der mich festhält. Corona bringt mich an so viele meiner persönlichen Grenzen. Jeden Tag. Da möchte ich mich in ein solches Versprechen geradezu reinkuscheln: „Bis in euer Alter bin ich derselbe und ich will euch tragen bis ihr grau werdet.“
Die Konfis 2020 werden noch ihren Enkelkindern erzählen, dass sie damals wegen einer Pandemie nicht konfirmiert werden konnten. Und vielleicht werden sie ihnen ein Exemplar der Masken zeigen, die wir jetzt alle tragen, so wie mein Opa mir früher Reichsmarkmünzen gezeigt hat. „Damit seid ihr rumgerannt? Ernsthaft?“  
Ja, sind wir. Ernsthaft! Und ich sag euch noch was: Wir haben nicht nur die Masken aufbewahrt. Wir haben auch ganz vieles andere mitgenommen aus dieser Zeit. Die Erfahrung von Hilfsbereitschaft und Kreativität zum Beispiel, von Solidarität, manchmal ganz unerwartet. Wir haben Kontakt und Verlässlichkeit erlebt und zwar während einer Kontaktsperre. Wir haben den Mut entdeckt, den man für neue Wege braucht. Und für die Befreiung von alten Mustern: Wir hatten Momente der Erkenntnis, dass die althergebrachten Wege nicht die einzig möglichen und auch nicht die einzig richtigen waren.
Wenn ich glauben kann, dass Gottes Versprechen gilt, dann kann ich es vielleicht wagen, schon mal vorsichtig hinter diesen riesigen Markstein Corona zu spähen. Auf das Leben nach dem Virus. Dann kann ich vielleicht einen ersten zaghaft-mutigen Blick auf die Gestaltungsräume riskieren, die sich jetzt notgedrungen auftun. Dann kann ich vielleicht irgendwann die Ärmel hochkrempeln und die Möglichkeiten ausloten, die ich sonst nie genutzt hätte. Und vielleicht kann ich - auf dieses Versprechen gegründet – in unserem Leben danach irgendwann sagen: Corona hat uns echt viel zugemutet. Alles ist anders geworden durch diese Pandemie. Menschen sind in Not geraten. Menschen sind gestorben. Vieles, richtig vieles ist verloren gegangen in dieser Zeit. Unwiederbringlich. Das war verstörend. Und unfassbar  traurig.
Und manches, was wir nie gewagt hätten, manches ist sogar gut geworden durch Corona. Gott ist der, der da ist. Vorher wie nachher. Das bleibt.
Bochum, zum Sonntag Jubilate am 03. Mai 2020, Pfarrerin Claudia Frank


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Altenbochum-Laer
Wittener Str. 242
44803 Bochum
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